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Jungs und Mädchen finden sich doof - aber nicht nur

Lorsch. Coole Jungs und scheue Mädchen. Kleine Liebesbriefchen und großer Wissensdurst. Forschungsexpeditionen in den eigenen Körper, bei denen man sich den Weg zur Erkenntnis regelrecht frei schlagen muss. Die Zeit zwischen Einschulung und Pubertät ist nur eine äußerlich ruhige.

 

Zwischen sechs und elf Jahren erreicht die psychosexuelle Entwicklung eine vorübergehende Ruheperiode, während die psychische Energie in die emotionalen und sozialen Beziehungen gelenkt wird.

Das kindliche Navigationssystem läuft auf Hochtouren und erkundet eine neue Welt. Jungs und Mädchen finden sich doof - und immer interessanter.

 

Die so genannte Latenzphase und ihre Einflüsse auf die kindliche Sexualität standen im Mittelpunkt eine hochinteressanten Vortrags im Mütterzentrum. Sozialpädagoge Steffen Brammer (Pro Familia Bensheim) erläuterte die Veränderungsprozesse von Kindern vor dem Eintritt in die Pubertät. Dabei schickte er voraus, dass es für bestimmte Entwicklungsstationen zwar allgemein typische Altersphasen gibt, letztlich aber jedes Kind eine individuelle Lebensgeschichte mitbringe. "Kein Verhalten ist exakt vorhersagbar".

 

Kichern, Necken und die Welt entdecken: Nach den schrittweise ablaufenden entwicklungspsychologischen Elementar-Phasen erreicht das Kind etwa mit dem sechsten Lebensjahr eine sexuelle Abwehr- oder Verdrängungsphase. Soziale Kontakte werden hauptsächlich mit dem gleichen Geschlecht gepflegt, es beginnt die Zeit der Abgrenzung und Orientierung in der Gesellschaft.

Mit dem Schulbeginn startet die Entwicklung zum "Kulturmenschen", der sich von der Familie abnabelt. Das Kind lernt neue Erfahrungswelten kennen und gestaltet sein Lebensumfeld immer mehr nach eigenen Wünschen. Dabei schärft sich auch die Wahrnehmung für Liebe und Sexualität, wenngleich das Interesse weniger erotischer denn neugieriger Natur ist. Es gibt mehr Fragen als Antworten, das Reden über Sexualität wird wichtiger.

 

Ob Frauentalk oder Männergespräch: Der Sozialpädagoge rät zu einem natürlichen Umgang mit dem Thema Sexualerziehung und einer Aufklärung, die kindergerecht und individuell maßgeschneidert ausfallen sollte. "Wenn Kinder etwas wissen wollen, dann kommen sie von selbst", so Brammer. Voraussetzung ist, dass Eltern Offenheit und Gesprächsbereitschaft signalisieren. Was tabuisiert wird, kann nicht kommunikativ ausgetragen werden.

Auch beim selbstständigen Erforschen des Körpers sollten Erziehungsberechtigte nicht aus allen Wolken fallen. "Das Spielen mit Genitalien ist ein normaler Prozess und sehr wichtig für die Entwicklung eines guten Körpergefühls".

Erwachsene sind ein gutes Vorbild, wenn sie zeigen, wie der Umgang mit dem Körper, mit Sexualität und Partnerschaft auf authentische und unverkrampfte Weise gelingen kann. Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit sind dafür wesentliche Bedingungen.

 

Schilder an der Kinderzimmertür

Die Latenzphase wird von unterschiedlichen Entwicklungsdetails mit geprägt: Die Kinder lernen Lesen, Schreiben und Rechnen, sie werden mobiler und dehnen ihren sozialen Erfahrungshorizont aus. Die Kollision mit neuen Werten verläuft nicht immer problemlos, ebenso die Wahrnehmung persönlicher Leistungs- und Handlungsgrenzen: Kinder wissen langsam, mit welchen Strategien bestimmte Konsequenzen verbunden sind und testen aus, was sie ihrem Umfeld - auch in Sachen Sexualität - zumuten können. Brisante Situationen inklusive.

Letztlich gilt: Darüber reden ist Gold wert. Dabei sollte Aufklärung nicht an festen Themenabenden stattfinden, sondern sich nach den Bedürfnissen des Kindes richten. Schließlich ist in etwa mit dem siebten Lebensjahr auch das Schamgefühl ausgeprägter als im Vorschulalter. Unzählige "Bitte anklopfen"-Schilder an den Kinderzimmertüren sprechen Bände. tr

 

Bergsträßer Anzeiger
25. Februar 2008

 

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