Viele junge Mütter im Team - und die Firma läuft prima

Dagmar Jost-Brendle, Chefin der "Klosterapotheke", erhält für ihren familienfreundlichen Betrieb den Preis "Lila Schleife"

Lorsch. Anregungen, wie junge Eltern Familien- und Erwerbsarbeit verbinden können, gibt es viele. Gerade an einem "Feiertag" wie dem Frauentag sind tolle Vorschläge, wie die Doppelbelastung gelingen kann, reichlich zu hören. Im Alltag anschließend sind sie dann meist schnell wieder vergessen. Die Stadt Lorsch immerhin engagiert sich seit einigen Jahren stärker als nur mit schönen Reden. Sie verleiht jedes Jahr gemeinsam mit dem Mütter- und Familienzentrum die "Lila Schleife" an einen familienfreundlichen Betrieb. Gestern ging der Preis, der mit einer Anerkennungssumme von 250 Euro dotiert ist, an die "Klosterapotheke".

Die Chefin, Dagmar Jost-Brendle, äußerte sich gestern überrascht über die Auszeichnung. Sie sieht es als selbstverständlich an, jungen Müttern die Berufstätigkeit mit möglichst flexiblen Arbeitszeiten zu erleichtern. Schließlich ist sie selbst Mutter und kennt die Problematik daher aus eigener Erfahrung. Ihr Sohn Tom, zweieinhalb Jahre alt, kam auf die Welt, als Dagmar Jost-Brendle die Apotheke gerade von ihrem Vater übernommen hatte.

Die 38-jährige Lorscherin managt die Apotheke mit einem Team von neun Mitarbeiterinnen. Sieben von ihnen haben Familie. Und: es klappt wunderbar, versichert die Apothekerin. Dass Frauen mit kleinen Kindern öfter ausfallen und den laufenden Betrieb gefährden, kann Dagmar Jost-Brendle jedenfalls nicht bestätigen. Bislang hätten sich die Mitarbeiterinnen stets gut absprechen und vertreten können.

Einblick erst mit eigenem Kind

Die Chefin findet den familiären Hintergrund ihrer Voll- und Teilzeitkräfte sogar ausgesprochen angenehm. "Es tut gut, wenn man außer seiner beruflichen Verantwortung noch eine familiäre Verantwortung kennt", meint Dagmar Jost-Brendle.

Dass sie die Herausforderungen, die die Gleichzeitigkeit von Familie und Beruf bedeuten, zunächst selbst etwas naiv beurteilte, bevor sie Mutter wurde, räumte Dagmar Jost-Brendle gestern gerne ein. "Ich habe erst durch Tom richtig Einblick bekommen, wie lang die Wartelisten bei der Kinderbetreuung sind", erklärte sie etwa. Um eine familienfreundliche Gesellschaft zu verwirklichen, seien neben engagierten Betrieben daher auch die Kommunen gefragt, die Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zur Verfügung stellen müssten, forderte sie.

Bürgermeister Klaus Jäger machte daraufhin deutlich, dass die Kindergärten künftig wohl nicht ganz ausgelastet seien, über Plätze für Zweijährige nachgedacht werden könne. Daran, dass es bereits ein erstes Betreuungsangebot im Spielhaus Regenbogen gibt, erinnerte er auch. "Wir sind eine familienfreundliche Stadt", erklärte er. Schließlich gebe es im Stadthaus inzwischen sogar junge Väter, die Elternzeit nähmen.

Brunhilde Schieb, Lorscher Gleichstellungsbeauftragte, erinnerte daran, dass auch die Stadtverwaltung deswegen bereits zu den Preisträgern der "Lila Schleife" gehörte. Ausgezeichnet für familienfreundliches Engagement wurden in den Jahren zuvor unter anderem auch der Kindergarten "Villa Kunterbunt", eine Zahnarztpraxis, eine Buchhandlung und ein Pflegedienst.

Für die diesjährige Preisverleihung habe es mehrere Vorschläge gegeben. Entschieden habe sich die Jury aber wegen des hohen Anteils junger Mütter im Mitarbeiterteam klar für die "Klosterapotheke", so Schieb. Auch 2007 soll die Schleife samt Geldpreis wieder verliehen werden. Der Festakt gestern im Nibelungensaal des Alten Rathauses wurde von Naima Rink, Ronja Humbert und Julia Portl - allesamt Schülerinnen des Konservatoriums - mit mehren anspruchsvollen Stücken am Klavier musikalisch umrahmt. sch

© Bergsträßer Anzeiger - 09.03.2006