
Im Mütter- und Familienzentrum in Lorsch (Mütze) gab es jetzt einen Vortrag für Eltern, damit ihr Kind erst gar keine Angst vor der Schule bekommt. Ganz wichtig beim Thema Schule sei nämlich die Schulfähigkeit, meinte die Referentin Charlotte Schulze-Ganzlin. Nur wenn das Kind bereit sei für die Schule, könne es auch Freude daran finden. Hier sollten auch die Eltern keine Angst haben, so die Sozialpädagogin, das habe nämlich nichts mit Intelligenz zu tun: "Begeisterungsfähig, lernwillig und wissbegierig müssen sie sein."
Eine offizielle Definition von Schulfähigkeit verlangt außerdem, dass die Kinder reif sind für ein bestimmtes vorgegebenes System, das System der Schule. Charlotte Schulze-Ganzlin weiß wovon sie redet. Sie ist Sozialpädagogin an der Wingertsbergschule, zuständig für LRS und Integration. Das Kriterium, das Lehrer am häufigsten bemängeln, ist die soziale Reife. Immer weniger Grundschüler können demnach Rücksicht nehmen auf andere, Grenzen akzeptieren, eigene Bedürfnisse zurückstellen, sich entschuldigen und all die anderen Verhaltensweisen, von denen man meinen sollte, sie seien blind vorauszusetzen. Besonders schwer falle es den Kindern, andere, die sie nicht leiden können, zu akzeptieren. Gerade das ist aber ein Punkt, der sie ein Leben lang begleiten wird. Teamfähigkeit wird ebenso in der Arbeitswelt groß geschrieben. Auch die Arbeitshaltung ist ein Punkt, der häufig beklagt wird. Man könne Kindern aber einiges zumuten, verspricht der Profi. Vor allem, wenn man dafür sorgt, dass sie Spaß am Lernen haben, dann halten sie auch durch.
Eine Möglichkeit, die Konzentration und Arbeitshaltung zu stärken, sei es schon frühzeitig daheim dafür zu sorgen, dass die künftigen Schulkinder alles zu Ende führen, was sie anfangen. Lehrer müssen mit einer Gruppe von rund 25 Schülern arbeiten. Da müssen die Kids schon einige Regeln einhalten. Manchmal sind aber auch die Eltern vorbelastet. Je nach dem wie ihre eigene Schulzeit verlief, wird die Einstellung zur Schule sein. Wenn Eltern aber negative Erfahrungen machen mussten, ist es besser, die zumindest anfangs für sich zu behalten. Jedes Kind hat ein Recht darauf, eigene Erfahrungen zu sammeln.
Eine gezielte Vorbereitung auf den Schulstart ist übrigens nicht nötig. Ein bisschen übernimmt das der Kindergarten und dann setzt schon die Schule an. Den Schulweg können Eltern aber schon mit ihren Sprösslingen üben. Dadurch fördert man die Selbständigkeit. Ansonsten sollten Kinder Aufgaben in einer bestimmten Zeit erledigen, sich die Schuhe binden und sich alleine aus- und anziehen können. Ein Rat der Expertin: "Machen sie weniger für und mehr mit dem Kind. Das kostet zwar am Anfang etwas mehr Zeit und Geduld, später wird der Einsatz aber belohnt." Selbstbewusstsein und Selbständigkeit werden so gefördert.
"Spielen ist ein wichtiges Kapital", erklärt Schulze-Ganzlin. In Rollenspielen leben die Jungen und Mädchen all ihre Ängste, Sorgen, Freuden, Wünschen und Hoffnungen. Dazu brauchen sie im Übrigen keine oder nur wenige Spielsachen, geschweige denn elektronische Medien. Dafür sind Rituale wichtig und Verlässlichkeit. Die leben Eltern am besten ihren Kindern vor.
Fünf- bis Zehnjährige haben den größten Bewegungsdrang. In der Bewegung bekommen sie nicht nur ein Gefühl für Gefahren und toben sich aus, sie verbessert außerdem die Motorik und ist wichtig für eine normale körperliche Entwicklung. Der Kindergarten fördert die Feinmotorik durch basteln. Fingerspiele, Gesichte, Abzählverse, Spiele wir "Ich sehe was, das du nicht siehst" und das Singen in Gruppen stärkt die Wahrnehmung. Frontalunterricht, wie ihn die Eltern aus der eigenen Schulzeit kennen, ist seltener geworden, dadurch ist die Stufe vom Kindergarten in die Schule auch nicht mehr so hoch.
Ein Kennen-Lern-Tag erleichtert die Eingewöhnung. In Lorsch findet er am nächsten Mittwoch (24.) vormittags statt. Die Kleinen bekommen zum Beispiel eine Geschichte vorgelesen und die Lehrer schauen dann, ob sie diese verstanden haben, informierte Schulze-Ganzlin. mkö
© Bergsträßer Anzeiger - 15.05.2006