Auch Albert Einstein war kein Musterschüler

Dr. Roland Jost informierte im Mütterzentrum über Aufmerksamkeitsdefizitstörungen / "ADHS - Modethema oder Krankheit?"

Lorsch. Auf große Resonanz stieß der Vortragsabend zum Thema: "ADHS - Modeerscheinung oder Krankheit?", zu dem der Lorscher Kinderarzt Dr. Roland Jost im Mütterzentrum informierte. "ADHS" steht für Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit Hyperaktivität.

Als Einstieg hatte Dr. Jost die Geschichte vom "Struwwelpeter" mitgebracht, die sich der Frankfurter Nervenarzt Dr. Heinrich Hoffmann 1845 ausgedacht hatte. Jost: "Der Struwwelpeter ist ein typisches ADHS-Kind, das mit seiner Umwelt nicht zurecht kommt." Für die Eltern war es besonders wichtig zu erfahren, in welchem Alter man feststellen kann, dass ein Kind betroffen ist. In seiner langjährigen Praxisarbeit wurde Dr. Jost immer wieder mit Müttern konfrontiert, die den Kinderarzt um Medikamente baten, die aus ihrem angeblichen ADHS-Kind einen "Musterschüler" machen würden.

Hier wurde der Arzt immer sehr "hellhörig", und bei Durchsicht von Schulheften, Zeugnissen und Zeichnungen, bei Gesprächen mit Mutter und Kind, stellte sich für Dr. Jost schnell heraus, dass dieses Kind einfach nur temperamentvoll ist, zu wenig tobt und statt stundenlanger TV-Berieselung lieber in einen Turnverein gehen sollte.

Dr. Jost: "Die Symptome für ADHS stellen sich oft schon sehr früh im Kindesalter heraus. Betroffene Babies sind Schreikinder, haben Schlaf- und Essprobleme, mögen keine körperliche Nähe und meiden den intensiven Blickkontakt mit der Mutter.

Ein Kindergartenkind ist wild, zerstört gerne, kann sich selten auf ein Spiel konzentrieren oder etwas zu Ende spielen, ,Hört nicht'. In der Grundschule kann es durch seine Unkonzentriertheit dem Unterrichtsstoff nicht folgen, es stört die Klassengemeinschaft durch Herumrennen, Zappeln, Zwischenrufe.

In der geistigen und körperlichen Entwicklung hinken die Kinder ihrer Altersgruppe um dreißig Prozent hinterher, sind ungeschickt, ungeduldig, haben zusätzlich noch mit Lese-Rechtschreibschwäche zu kämpfen .

Da dem Kind nichts gelingt, hat es auch keine Erfolge, wird missmutig, ist stimmungslabil und nicht integrationsfähig, verdeutlichte der Experte.

Viele Eltern interessierte die Frage: "Ist ADHS ein Geburtsfehler und wächst es sich im Alter aus?" Dr. Jost: "Bei dreißig Prozent der betroffenen Kindern ist ADHS ererbt. Jungen leiden bis zu neun mal häufiger an der Störung als Mädchen."

Der Mediziner sieht die Ursachen für die Zunahme der Erkrankung in der veränderten Gesellschaft: "Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen sind in besonderem Maße durch Stress, Hektik, höhere Anforderungen erregbar und störbar. Besonders Einzelkinder und Stadtkinder sind häufiger betroffen."

Dr. Jost erklärte weiter: "Eine Behandlung ist notwendig. 30 bis 66 Prozent der Erwachsenen, die nicht therapiert wurden, haben große Probleme im Alltag. Sie sind oft nicht beziehungsfähig, können nicht mit Geld umgehen, bleiben an keinem Arbeitsplatz, sind alkohol- und drogengefährdet."

Dr. Jost: "Die Eltern von ADHS-Kindern sind häufig ratlos, fühlen sich überfordert und geben sich selbst die Schuld für das "ungezogene" Verhalten ihres Kindes. Die Kinder haben auch viele positive Eigenschaften, die oft gar nicht an die Oberfläche kommen: Sie sind hilfsbereit, haben einen starken Gerechtigkeitssinn und sind sehr kreativ."

Sport und Spiele helfen häufig

Der Mediziner erläuterte neun Kriterien, nach denen ein Kind zunächst beobachtet wird, um herauszufinden, ob es "nur" temperamentvoll oder hyperaktiv ist. Gespräche mit Lehrern über das Schulverhalten des Kindes sind sehr hilfreich. Dr. Jost: "Medikamente sind wichtig in einer Therapie, können jedoch Nebenwirkungen haben! Gute Erfolge wurden bisher durch Verhaltenstherapien, Entspannungsübungen, Sport, Mannschaftsspiele, Ergotherapien und eine psychologische Unterstützung erzielt."

Den interessierten Eltern erzählte Dr. Jost zum Schluss: "Wissen Sie eigentlich, welche ,großen' Männer mit ADHS gelebt haben? Das waren unter anderem Einstein, Pestalozzi und Bill Clinton." sph

Bergsträßer Anzeiger
6. Oktober 2007